TELEFONZELLE

von Horst-Jens Olé

(Sophie Diesselhorst, Lena Gätjens, Judith Bohle)

Keiner braucht sie! Wir haben doch alle Handies. Smartphones, mit denen wir nicht nur telefonieren können, sondern auch überall jederzeit nachgucken können, wie das Wetter gerade ist, an den unmöglichsten Orten Pokemons finden oder auch Bomben zünden können. Für alles und mehr ist gesorgt. Also gibt es immer weniger Telefonzellen im öffentlichen Raum.

Aber war das nicht eigentlich eine sehr schöne, heimelige Institution, die Telefonzelle, in der man sich bei Regen unterstellen konnte, die nachts als städtischer Leuchtturm fungierte – und in der man als Telefonierer tatsächlich noch anonym bleiben konnte? Heutzutage unvorstellbar.

Horst-Jens Olé haben sich einen wertkonservativen Ruck gegeben, um diesen altmodischen Kommunikationsknotenpunkt wiederzubeleben. Wir haben im Forum Stadtpark, der idealen Schnittstelle zwischen privatem und öffentlichem Raum, eine Telefonzelle gebaut, die als Wanderbühne mit 3 PS durch die Stadt transportiert werden kann. In unserer Telefonzelle kann man nicht anrufen, sondern nur rangehen, wenn sie klingelt. Das tut sie aber in zuverlässig kleinen Abständen, denn wir rufen an, bis jemand abhebt.

Jakominiplatz
Jakominiplatz
Hauptplatz
Hauptplatz
Stadtpark, an der Passamtswiese
Stadtpark, an der Passamtswiese
Stadtpark, am Wasserbecken
Stadtpark, am Wasserbecken

In Graz haben wir unsere Telefonzelle an sechs Performancetagen im Juli 2016 an den unterschiedlichsten Orten ausprobiert: Wir waren im Stadtpark, auf dem Tummelplatz, am Eisernen Tor, auf dem Jakominiplatz, auf dem Lendplatz, vor der Kirche auf dem Mariahilfer Platz, am Kunsthaus, im Franziskanerviertel und auf dem Hauptplatz.

Wir haben an diesen Orten mit Menschen, die wir auf der Straße nicht wiedererkennen würden, darüber gesprochen, wie wir uns einander vorstellen. Wir haben Spiele gespielt, Beichten abgenommen und der anonymen Öffentlichkeit auf Wunsch unsere Überlegungen zur aktuellen Weltlage sowie Poesie mit Zeitlosigkeitsanspruch dargeboten. Es war eine explosive Mischung. Für uns, und hoffentlich auch für unsere zufälligen Spielpartner. Das Publikum sind wir alle zusammen. Und den öffentlichen Raum gibt es nicht ohne uns.

Manche Gespräche haben wir mit dem ausdrücklichen Einverständnis unserer Mit-Telefonierer dokumentiert, außerdem haben wir unsere Zellenwanderungen durch Graz gefilmt. Eine künstlerische Weiterverarbeitung wird so bald wie möglich auf unserer Homepage www.horstjensole auftauchen.

Frauen mit Männernamen